Foodsharing in Sigmaringen

Nachteule-Tabitha
11.01.2019

Die Designstudenten Thomas Gening und Christian Zehnter. Fernsehjournalistin Ines Rainer. Programmierer Raphael Wintrich. Regisseur Valentin Thurn, Social-Media Leiter Sebastian Engbrocks und Aktivist Raphael Fellmer. Sie alle haben eines gemeinsam: sie sind spät auf. Und wo so viele kreative Köpfe das zur selben Zeit sind, kann nur etwas Gutes entstehen. Ist es auch.

Anstatt zu schlafen, haben sich diese Menschen unabhängig voneinander Gedanken über ein Problem gemacht, das auf dieser Welt stetig zunimmt: Die Lebensmittelverschwendung. Es geht so schnell. Zu viele Nudeln gekocht, niemand zum Mitessen da, der Rest landet im Mülleimer. Ein flüchtiger Etikettierungsfehler im Supermarkt und eine ganze Lieferung muss entsorgt werden. Völlig vergessen die Milch aufzubrauchen, bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist – weg damit.

Weg damit – weil dieser Satz so häufig fällt, gehen Wissenschaftler davon aus, dass heute ein Drittel aller Lebensmittel weltweit entsorgt wird, obwohl nicht immer etwas gegen ihren Verzehr gesprochen hätte. Der Anteil dieser Lebensmittel an der Gesamtmenge entspricht etwa 1,3 Milliarden Tonnen. Abstrakte, absurde Zahlen, unter denen sich schwer etwas vorstellen lässt. Aber während auf der anderen Seite der Erde jeden Tag mehr als 800 Millionen Menschen Hunger leiden, wirft gleichzeitig jede Privatperson im Durchschnitt 80 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr ungenutzt in die Mülltonne. Und weiß in den allermeisten Fällen ganz genau, dass Sprüche wie „Andere wären froh, wenn sie nur halb so viel auf dem Teller hätten wie du“ nicht lustig sind, nicht einmal ansatzweise. Doch wie kann man als Irgendeiner von 80 Millionen Bundesbürgern alleine in Deutschland in dieser paradoxen, ungerechten Situation einen Unterschied machen?

Diese Fragen hat sich auch Tanja lange gestellt. Spät auf hat sie überlegt, wie sich etwas gegen die Lebensmittelverschwendung unternehmen lässt. Tanja lebt mit ihrer Familie in Sigmaringen, wo sie alles hat, was sie braucht. Nur eine Organisation oder ein Projekt, das sich gegen Lebensmittelverschwendung einsetzt, hat es, wie häufig in ländlichen Regionen, lange nicht gegeben. „Immer wieder habe ich gedacht: ,Jetzt nimmst du's in die Hand! Jetzt tust du was!'“, erinnert sie sich. Der Wille war da, und noch bevor sie richtig überlegen konnte, auch ein Weg. Unerwartet erfährt sie, dass in Sigmaringen nun eine foodsharing-Gruppe ins Leben gerufen wurde und nach Mitgliedern sucht.

Hier kommen Raphael Fellmer und Valentin Thurn wieder ins Spiel. Als Valentin Thurn spät auf war, hat er die Regie für einen Film entwickelt. „Taste the waste“ heißt er, und so direkt wie der Titel ist auch sein Inhalt. Die Lebensmittelverschwendung in ihrem Ausmaß und ihren Folgen wird ebenso beleuchtet, wie die Maßnahmen, die Menschen dagegen ergriffen haben. Gemeinsam mit Raphael Fellmer ergreift Valentin Thurn selbst eine: 2012 gründen sie foodsharing. Als eine Plattform, auf der die Rettung von Lebensmitteln in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit gebündelten Kräften bewerkstelligt wird. Das Prinzip ist einfach: die "foodsaver" setzen dort an, wo Lebensmittel häufig in großen Massen weggeworfen werden müssen, nämlich in Betrieben.

Diese haben immer wieder Lebensmittel, die aufgrund strenger Auflagen für Lebensmittelmärkte nicht mehr verkauft werden können, aber eigentlich noch genießbar sind. Diese Lebensmittel werden dann von den foodsavern abgeholt und verteilt, im eigenen Bekanntenkreis, in der Familie, in der Stadt. Ihre Schätze sind häufig Obst, Joghurt, Nudeln, Milch oder Brot. „Wenn man foodsaver ist, muss man nie mehr Brot kaufen.“ Sagt Tanja lachend. „Das geben die Betriebe immer in großen Mengen ab.“ Dabei ist Brot oft deutlich länger haltbar als das Mindesthaltbarkeitsdatum angibt. Die Verantwortung für die verteilten Lebensmittel tragen die foodsaver, es gilt der Leitspruch „Teile nur die Sachen, die du auch selbst konsumieren würdest“.

Über die eigenen fünf Sinne kann oft schnell getestet werden, ob etwas noch genießbar ist. Schimmel, etwa auf Brot, ist sichtlich gut zu erkennen, ein veränderter Geschmack oder eine andere Konsistenz deuten darauf hin, dass etwas vielleicht nicht mehr gegessen werden sollte. Klare Regeln gibt es auch: so sind Lebensmittel mit einem abgelaufenen Verbrauchsdatum vom foodsharing ausgeschlossen, zum Beispiel rohe Eier, Geflügelfleisch oder Fisch.

Lebensmittelkunde ist kein Schulfach, und vielleicht ist genau das der Fehler. Foodsaver machen mit ihrem Beitrag zum foodsharing einen Anfang, indem sie sich intensiv mit Lebensmitteln auseinandersetzen. Auch Tanja. Bevor sie mit dem Retten der Reste loslegen konnte, musste sie der foodsharing-Bewegung auf eine etwas andere Art beitreten. Mit einem Onlinequiz auf www.foodsharing.de musste sie beweisen, dass sie sich bereits mit dem Verbrauch von Lebensmitteln und den Prinzipien von foodsharing auskennt. Das Quiz ist eine Maßnahme, um die Zuverlässigkeit, die Sicherheit und die Pünktlichkeit, die bei foodsharing seit seiner Gründung vorherrscht, weiter aufrecht zu erhalten. Die foodsaver müssen sich in ihrer Verantwortung stets bewusst sein und nach den Regeln handeln, um dem Ruf von foodsharing nicht zu schaden. Druck muss man sich vor dem Quiz allerdings nicht machen, Bücher wälzen schon gar nicht. Auf www.foodsharing.de sind alle relevanten Informationen sehr übersichtlich bereitgestellt. Wie das Quiz ablaufen kann, was es mit den Einführungsabholungen auf sich hat und ob auch ich als Online-Redakteurin eine gute foodsaverin sein kann – das werdet ihr übrigens in den kommenden Wochen erfahren.

Tanja hat all das schon hinter sich. Heute fährt sie einmal im Monat zu einem Treffen mit den Sigmaringer foodsavern und regelmäßig zu den Abholterminen in verschiedene Betriebe, zu denen sie sich im Voraus angemeldet hat. Die Lebensmittel, die sie dort abholt, wandern anschließend in ihren Bekanntenkreis, in ihre Familie und in die eigene Küche. Die goldene Regel: verkaufen oder wegwerfen ist strengstens verboten! „Mit der Zeit wird man auf jeden Fall erfinderisch“, stellt sie fest. Zuhause warten ihre beiden kleinen Söhne und ihr Mann stets gespannt darauf, was als Nächstes gekocht wird. Tanja findet immer etwas. Sie hat die Vorzüge von Reste- oder Räuberpfannen ebenso entdeckt wie Einmachgerichte. Bei meinem Besuch bei Tanja gibt es veganen Schokoladenkuchen mit Apfeleis aus Soja-Jogurth – und es schmeckt gleich noch ein bisschen besser, wenn man weiß, dass die Äpfel ohne Tanjas Einsatz in der Mülltonne gelandet wären. Spontane Einsätze fordern auch Flexibilität in der Küche. „Man isst was kommt“, meint Tanja, „und plant weniger im Voraus.“

Planen muss sie nur noch, was sie ein Mal im Monat an Basics im Supermarkt und im Bioladen einkauft. Die teureren und qualitativ hochwertigeren Bioprodukte kann sie sich gönnen, weil sie durch foodsharing Geld für andere Lebensmittel spart. So schlägt Tanja zwei Fliegen mit einer Klappe und bemerkt gleichzeitig, wie sich ihr Verhältnis zu Lebensmitteln ändert. „Man befasst sich plötzlich sehr viel mehr mit einer Zutat und was man aus ihr alles machen kann.“

Vom foodsharing profitieren Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Trotzdem richtet sich das Projekt nicht speziell an Bedürftige, sondern sein primäres Ziel ist es, Lebensmittel zu retten. Hier liegt der Unterschied zur Tafel, deren Fokus auf der Unterstützung von finanziell Minderbemittelten liegt. Deswegen ist die Tafel die erste Institution, die übrige Lebensmittel von Betrieben abholt. Weil sie aber strengere Richtlinien hat als foodsharing, wie etwa eine richtige Etikettierung und ein nicht überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum, bleiben danach noch viele Lebensmittel übrig, die die foodsaver vor dem sicheren Wurf in die Tonne bewahren.

In Sigmaringen sind bereits 44 Leute für foodsharing aktiv. Sie sind ständig auf der Suche nach neuen Helfern, um die regelmäßigen Abholungen bei den Betrieben gewährleisten zu können. Wie man bei foodsharing mitmacht und selbst zum foodsaver wird, seht ihr in den kommenden Wochen. Ich begebe mich auf Lebensmittelrettung, und würde mich freuen, wenn ihr mich dabei begleiten werdet. Aber auch alle, denen die Zeit für die monatlichen Betriebsabholungen fehlt, können dranbleiben. Im nächsten Artikel dreht sich nämlich alles um die Frage, wie man im Alltag Lebensmittelverschwendung entgegenwirken kann. Damit die Gedanken von Tanja, Valentin Thurn, Raphael Fellmer und all den anderen Menschen da draußen spät auf bald wieder in eine positive Richtung gehen können.

Fortsetzung kommenden Freitag

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