Abitur als gesellschaftlicher Zwang

19.01.2021

Ihr Name wird aufgerufen, sie schreitet in ihrem wunderschönen türkisfarbenen Kleid auf die Bühne. Nach dem Händedruck und einem leisen „Herzlichen Glückwunsch“ des Schulleiters hält sie ihr Abiturzeugnis in der Hand.

Alle Absolventen und Absolventinnen stehen nun auf der Bühne, natürlich gibt es wieder jemanden mit der Bestnote 1,0. Es werden Preise verliehen und Erinnerungsfotos geschossen. Für die Abiturienten und Abiturientinnen ein unvorstellbar herrlicher Moment, für viele Eltern und die ganze Gesellschaft aber ein selbstverständlicher Moment. Denn das Abitur ist heutzutage kein Einzelfall mehr und wird mittlerweile schon als notwendig für einen erfolgreichen Berufsweg angesehen. Das Abitur ist heutzutage ein regelrecht gesellschaftlicher Zwang. Aber warum ist das so?

 

Von der Gesellschaft wird ein Ideal erwartet und angestrebt, das ungefähr folgendermaßen aussieht: Karriere, Kapital, Familie, Haus. Ein Ideal ist ein perfekter Zustand, ein Inbegriff der Vollkommenheit. Jeder strebt nach einem Ideal und die Gesellschaft strebt eben nach diesem perfekten Ideal. Jeder möchte von der Gesellschaft angesehen werden und dem perfekten und vollkommenen Zustand so nahe wie möglich kommen, stimmt’s? Das Abitur ist dabei schon mal ein erster Schritt dem perfekten Zustand ein wenig näher zu kommen. Denn mit dem Abitur werden viele Türe geöffnet um beispielsweise mit einem Akademikerberuf Karriere zu machen und mit dem dadurch gewonnen Kapital ein Haus zu bauen und die Familie zu gründen. Bleibt nun aber noch die Frage: Woher kommt dieser Zwang? Warum gehen über die Hälfte eines Jahrgangs auf das Gymnasium? Das kann verschiedene Gründe haben. Ein Grund ist, dass die Eltern ihre Kinder auf ein Gymnasium schicken, weil sie hoffen, dass ihr Kind mit dem Abitur die meisten Aufstiegs- und Erfolgschancen hat. Hinzu kommt, dass die Kinder den Traum ihrer Eltern leben sollen. Die Eltern hatten früher meist nicht die Chance auf ein Gymnasium zu gehen und genau deshalb wünschen sie es sich für ihre Kinder umso mehr. Nicht zu vergessen wollen die Eltern ihre Schützlinge vor den „unteren ungebildeten“ Schichten schützen, die natürlich ganz klischeehaft auf die Hauptschule gehen. Es entsteht ein Gruppenzwang, der einen zwingt mit dem Strom mitzuschwimmen und wenn man einen anderen Weg einschlägt, muss man mit Ausgrenzung und schrägen Blicken rechnen.

Das Problem, das sich daraus entwickelt ist meist, dass viele Kinder unglücklich oder auch überfordert mit der Situation sind. Nicht alle Kinder sind gleich und nicht alle Kinder sind für den Leistungsdruck geschaffen.

Das Schulsystem Deutschlands ist so ausgerichtet, dass jeder Schüler individuell gefördert werden kann. Dank der vielen Möglichkeiten und Spezialisierungen kann für jedes Kind der perfekt angepasste Schulweg gefunden werden. Dabei geht es nicht darum, dass sein Kind den höchsten erreichbaren Abschluss erhält, sondern den angenehmsten und geeignetsten Weg zum Abschluss findet. Das Problem, das es hierbei gibt, ist dass diese individuelle Förderung nun nicht mehr möglich ist, wenn alle denselben Weg einschlagen. Zudem werden die niedrigeren Abschlüsse immer weiter verdrängt, es kommt zu einem fatalen Verdrängungswettbewerb. Und das, obwohl Deutschland von dieser Vielfältigkeit der Schulausbildung lebt.  Die Wahrheit ist doch, dass ein mittelmäßig bis schlechter Abiturient wohlmöglich ein sehr guter Realschüler wäre. Und das wollen doch die Eltern, einen hervorragenden Abschluss für ihre Kinder, dabei muss es sich nicht immer um das Abitur handeln.

Natürlich möchte jedes Elternteil der beste Schulabschluss für seine Kinder, aber der beste muss nicht immer der höchste sein. Es gibt viele verschiedene Wege, um sein Ziel zu erreichen, dabei muss das Abitur nicht zur Selbstverständlichkeit gehören. Wir müssen uns von den Zwängen lösen. Von diesen Zwängen kann man sich aber nur lösen, wenn man erkennt, dass auch ein guter Abschluss der mittleren Reife ausreichend ist. Wenn wir uns von den Zwängen lösen, wird auch wieder der Abiball ein herrlicher und einzigartiger Moment für die Gesellschaft.

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