Hanna Stauß ist 24 Jahre alt und wohnhoft in Inneringen, ihr schauspielerisches Geschick ist aber weit darüber hinaus zu bestaunen. Neueste Rolle: Die Schankmagd Josepha in Pfullendorf. Wir waren mit der Darstellerin im Gespräch.
blubbr.de: Hey Hanna, stell dich doch bitte kurz vor.
Hanna Stauß: I be a Mädle ausm Schowbaländle. So würde ich mich mal ganz pauschal vorstellen. Genauer aber: Hanna Deborah Stauß (auf meinen Zweitnamen lege ich tatsächlich viel Wert), wohnhaft im abgelegenen Inneringen auf der Alb und
24 Jahre jung. Meine Hobbys: Kronkorken sammeln, inlinern, kochen, am besten ganz lang
ausschlafen und natürlich alles was irgendwie mit Kunst und Kultur zu
tun hat.
blubbr.de: Du bist die neue Schankmagd in Pfullendorf, wie kam es dazu?
Hanna: "Neue
Schankmagd" trifft es insofern, dass es früher in Pfullendorf sicher
ganz viele Schankmägde gegeben haben muss... bei 18 Brauereien!
Aber eine, die historische Schauspielführungen als Schankweib gibt, gab es hier bisher nicht. Zu Deiner Frage: Konkret dazu gekommen bin ich durch meinen Tausendsassa-Theaterpartner Michael Skuppin. Ihn selber habe ich über meine Grüne Parteifreundin Fiona kennengelernt, er ist nämlich ihr Vater.Und als 2019 ein
Theaterprojekt für eine Herbergssuche im Museumsdorf Kürnbach anstand,
fragte sie mich, ob ich nicht eine hochschwangere Maria spielen könnte.
So lernten Michael und ich uns als "Maria
& Joseph" kennen und daraus ergab sich ein Netzwerk, weitere Ideen
und eine spannende Zusammenarbeit.
Auch wenn Michael
mit Bravour in wirkliche fast alle Rollen ganz problemlos schlüpfen
kann, eine Schankmagd kann er nun wirklich nicht spielen (lacht). Da er als Räuber in Pfullendorf schon selber Stadtführungen gibt, hat er für mich dann den Kontakt zur Tourist-Info hergestellt.
blubbr.de: Wie würdest du deine neue Rolle als Schankmagd in Pfullendorf beschreiben und was lernt man dabei?
Hanna: Wonderfitzig. Das schwäbische Wort trifft den Nagel auf den Kopf. Also neugierig, aber in einer frechen und ungenierten Art. Zudem
würde ich die Rolle als Frau im 18. Jahrhundert aber auch (für damals)
als durchaus emanzipiert, selbstbewusst und zielstrebig bezeichnen. Zum zweiten Punkt: Man lernt sich spielerisch mit der Geschichte auseinanderzusetzten und viele Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Woher kommen die Straßennamen? Aus welchem Grund gibt es dieses oder jenes Sprichwort? Heimatverbundenheit und die Demut davor, wie viel doch schon vor uns passiert ist und uns noch heute prägt
und ausmacht. Seitdem wandle ich wirklich mit anderen Augen durch Dörfer und Städte.
blubbr.de: Du spielst außerdem im Improtheater in Sigmaringen, was genau ist das?
Hanna: Theater aus dem Nichts. Eine Theaterform welche ohne Requisiten, Kostüme und Drehbuch funktioniert und sehr stark mit dem Publikum agiert. Jede Aufführung gibt es daher auch nur einmal. Meist nimmt man ein Überthema (z.B. Begegnung) und holt sich dann Stichwörter (Namen, Orte, Eigenschaften... ) aus dem Publikum. Diese dienen als Inspiration für die Szene. Dabei gilt aber auch ganz klar die "Freude am Scheitern", weil natürlich laufen manchmal Szenen auch einfach nicht so geschmeidig wie gewollt. Das gehört aber dazu! Seit fast vier Jahren bin ich "als Küken" im Spieltrieb-Ensemble und merke, dass es mir seitdem viel leichter fällt, mich auf unbekannte Situation einzulassen und diverse Lebenssituationen als Inspiration zu nehmen. Das hilft mir auch ganz konkret bei den Stadtführungen, auch wenn es hier einen "festen Text" gibt, das Publikum ist ja immer ein anderes. Es macht Spaß, spielerisch die Qualitäten und Angebote des Publikums einzubinden.
blubbr.de: Was fasziniert dich an der Schauspielerei?
Hanna: Die Tatsache in jede Rolle schlüpfen zu können und in diesen Momenten auch eine ganz andere Person zu sein. Meine Identität
schwingt natürlich immer im Hintergrund mit und beeinflusst auch die
Rollen. Andersrum passiert dieser Effekt aber eben auch! Wir prägen uns
sozusagen gegenseitig. Zudem bin ich
auch so "privat als Hanna" sehr wissensdurstig und finde viele, ganz
konträre Berufsfelder sehr interessant. Über die Schauspielerei kann ich
diese Interessen irgendwie koppeln und zumindest
für manche Momente als Teil von mir erschaffen. Außerdem, das muss man einfach so sagen, ist die Kulturszene und
die Leute, die ich bisher kennenlernen durfte, eine ganz nahrhafte
Wiese, auf der ich mich sehr wohl fühle.
blubbr.de: Welche Möglichkeiten haben junge Leute, wenn sie im Landkreis Sigmaringen als Schauspieler tätig sein wollen?
Hanna: Ich bin davon überzeugt, dass unsere ländlichen Strukturen diesbezüglich durchaus unterschätzt werden! Wie halte ich mich am besten kurz... Also hier in der
Umgebung gibt es wirklich viele ganz wunderbare Möglichkeiten mit
Theater und Schauspielerei in Berührung zu kommen. Als Beispiel kommt
mir da sofort die Waldbühne in Sigmaringendorf in
den Sinn. Die mit dem Kinderstück schon junge Leute ab 5 Jahren auf die
Bühne bringen und eine sehr enge Gemeinschaft pflegen. Aber auch so gibt es eigentlich in fast jedem Dorf bei uns, so klein es auch sein mag, immer irgendwelche (Ferien-)Angebote. Allein unser intaktes Fasnetsbrauchtum bietet wunderbare Gelegenheiten,
sich mal "närrisch" auf der Bühne auszuprobieren und sich mit dem "Häß"
auch richtig zu verkleiden. Immer wieder gibt es auch Stadt(laien-)theater, bei denen man froh über jeden Mann, jede Frau und jedes Kind ist. Auch gibt beispielsweise unsere Improtheatergruppe regelmäßig Einsteigerworkshops und Schnupperkurse.
Der wohl größte Vorteil hier im ländlichen Raum ist, dass Kultur auffallend dankbar anerkannt wird. Meistens haben hier irgendwelche
Wandergruppen, Dorftheater oder auch Schauspielführungen einen großen
Andrang, weil die Leute diese Arbeit schätzen und auch "Bedarf" haben. In der Stadt ist das anders. Deutlich mehr
Angebot, Konkurrenz zu anderen Gruppen und gleichzeitig verhältnismäßig
weniger Interesse, weil ja eh immer irgendwas ist.
blubbr.de: Gibt es Projekte für die Zukunft?
Hanna: Momentan belege ich nebenbei eine zweijährige Weiterbildung in Kunst, Improvisation und Schauspiel in Karlsruhe. Bin gespannt, was sich daraus noch ergibt. Seitdem ich nun kulturell aktiv bin, sind mir aber noch nie die Ideen oder die Anfragen ausgegangen. Im Gegenteil. Das Netzwerk wächst mit jeder Begegnung, man erkennt, wo man sich einbringen kann und wie. Letztlich ist das ganze Leben eine Bühne und solang man die Leidenschaft daran nicht verliert, geht auch das Interesse daran nie aus. Man denke nur an die harten Lockdownzeiten: was wäre unsere Welt ohne Musik, Film und Literatur gewesen? Der Bedarf nach Kunst, egal in welcher Form, ist immer da!
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Dominik