Nachteule-Tabitha blubbrt
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Grillen auf vegetarisch - Die Hindernisse einer Grillparty

Nachteule-Tabitha
14.06.2019

Wenn ich zurück denke, erinnere ich mich an viele Abende meines Lebens, an denen ich deshalb spät auf war, weil mein Magen zu laut knurrte, um dabei einschlafen zu können. Das passierte immer dann, wenn ich zuvor auf irgendeiner Grillparty gewesen bin, bei der die Auswahl an Essen für mich nicht allzu groß war.

Ich bin Vegetarier seit ich denken kann, in Zahlen aber etwa seit meinem achten Lebensjahr. Nicht, weil mir die armen Schweinchen und Schäfchen so leidtun oder ich auf einen Trend aufmerksam geworden bin, sondern weil meine Haut zuvor auf jeglichen Fleisch-Konsum postwendend mit allergischem Ausschlag reagiert hat. Mir haben Fleisch und Wurst ohnehin nie besonders geschmeckt. Nudeln dafür umso besser – das vegetarische Leben ist für mich deshalb gar kein Problem.

Es gibt nur immer wieder diese – sagen wir mal Zerreißprobe – wenn man an einem öffentlichen Essen teilnimmt und andere Leute darauf aufmerksam werden, dass man selbst sozusagen essbehindert ist. Ich hatte das in der schuleigenen Mensa, auf Klassenfahrten, und Ausflügen, und es ist doch jedes Mal wieder schön, von vorne zu erklären, wieso genau man stillschweigend die Salami vom Brötchen genommen oder die vegetarische Variante, sofern es denn eine gab, bevorzugt hat. Das alles wird im Laufe der Zeit zur Routine, irgendwann hören die Leute auf zu fragen und lassen dich deine trockenen Nudeln oder dein abgerupftes Brötchen essen, bestenfalls sogar ohne dich dabei mitleidig anzusehen. Aber jeder Vegetarier und vermutlich auch jeder Veganer wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass es ein bestimmtes gesellschaftliches Ereignis gibt, auf das wir alle gerne verzichten würden: die Grillparty.

Grillparty: die Zusammenkunft verschiedener Menschen an einem beliebigen Ort mit nur einem Ziel: Fleisch zu grillen! Bei jeder anderen Art von Feierlichkeit ist die Speiseauswahl vielfältig und ungebunden, bei der Grillparty ist von Anfang an klar, was auf dem Teller landen wird. Zumindest ist das der Eindruck, den ich als Kind noch von diesen Festen hatte, zurückzuführen auf meine eigenen Erfahrungen. Auf den Kindergeburtstagen, Kindergarten- und Schulausflügen und Vereinsfesten meiner Kindheit bestand die Auswahl meistens aus roter Wurst, weißer Wurst und Fleisch. An dieser Stelle bitte ich zu entschuldigen, dass sich mein Fachwissen über verschiedene Wurst- und Fleischsorten in den vergangenen 10 Jahren gänzlich in Luft aufgelöst hat und ich nach „roter Wurst und weißer Wurst“ keine weiteren Details mehr nennen kann.

Jedenfalls säbelten alle Kinder um mich herum stets glückselig an ihrer – roten oder weißen – Wurst herum, während ich eine Testreihe startete, ob ein trockener Wecken mit Ketchup oder mit Senf wohl besser schmeckte. Immerhin so viel Auswahl hatte ich! Nicht dass mich das groß gestört hätte, meine Testreihe ergab sogar, dass ich beide Varianten sehr lecker fand. Es waren eigentlich viel mehr die Sprüche der anderen, die mir den Appetit das eine oder das andere Mal verdarben. „Wird man davon überhaupt satt?“ „Das sieht ja richtig eklig aus!“ Ähm – danke. Und nein, unbedingt satt wurde man nicht davon, womit meine schlaflosen Nächte mit einem knurrenden Magen auch erklärt wären. Aber eine andere Wahl hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Je älter ich wurde, desto mehr verbesserte sich allerdings meine Grill-Situation. Es gab ein neues, nahezu revolutionäres Element in meinem Leben: Grillkäse. Zugegeben – vermutlich ist dieser auch schon länger als seit 2008 im Kühlregal zu finden. Wir haben nur nie danach gesucht. Er ist auch entsprechend teuer, und äußerst aufwändig zuzubereiten, da er gut und gerne mal verläuft oder von der einen auf die andere Sekunde anbrennt. Die Sprüche wurden auch nicht unbedingt weniger – sie änderten lediglich ihren Text. „Ihhh und sowas kann man essen?“ Offensichtlich, ja. Aber auf Dauer machte es mich auch nicht glücklich.

Dann begann der kulinarische Kosmos um uns herum plötzlich sich umzustrukturieren. Immer mehr Leute entschieden aus freiem Stück, vegetarisch zu leben, und ein noch größerer Teil an Menschen begann, ein Leben komplett ohne tierische Produkte zu führen. Veganismus – seit etwa 2013 boomt die Ernährungsform in Deutschland und auf der ganzen Welt. Zurückführen lässt sich der Trend unter anderem auch auf das wachsende Klimabewusstsein, das der fortschreitende Klimawandel fordert und fördert. Auch viele berühmte Persönlichkeiten dienen mit ihrer eigenen Ernährungsumstellung als Vorbild für zahllose Menschen. Von allen europäischen Ländern hat Deutschland im Jahr 2016 die meisten veganen Produkte auf dem Markt eingeführt, wie das Marktforschungsunternehmen Mintel mitteilt.

Unter diesen Produkten habe auch ich so einiges gefunden, was ich auf die nächsten Grillpartys mitnehmen konnte. Gerichte wie Maiskolben und Gemüsespieße waren im Kommen und schmeckten mir auch äußerst gut, aber das Beste ist, dass man jetzt auch inkognito an Grillpartys teilnehmen kann, niemand muss erfahren, dass man Vegetarier oder gar Veganer ist. Dies ist den zahllosen Tofu-Würstchen, Soja-Fleischküchlein und Getreide-Bratlingen zu verdanken, die die Supermärkte geentert haben. Sie schmecken speziell, aber manche von ihnen sehen täuschend echt aus. Gut, und dann gibt es noch die Bratlinge, die meine Freunde einmal mit dem Grillanzünder verwechselt haben – rein von der Optik her. Dennoch: es funktioniert und endlich kann ich genauso auf meine Grillwurst warten wie alle anderen.

Manche veganen Würste sehen sogar so täuschend echt aus, dass selbst der Kennerblick eines Vegetariers oder eines Veganers versagt. So habe ich bei der letzten Grilparty herzhaft in eine richtige Wurst gebissen. Zugegeben: es war ein Traum. Ein würziger, deftiger, genau richtig gesalzener, intensiver, himmlischer Traum. Und es tat sehr weh, die Wurst anschließend an meine Sitznachbarin weiterzugeben und mich wieder meiner chemisch hergestellten Sparvariante zu widmen.

Eine Grillparty ist und bleibt also eine Zerreißprobe. Umgeben von lecker duftendem Fleisch sein Tofu-Equipment auszupacken – und am besten auch gleich noch Oropax, um sämtliche dumme Sprüchen zu umgehen – erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Wie bei fast allem im Leben, muss man sich bewusst machen, wofür man etwas tut. Bei mir ist es die Tatsache, dass mir meine Haut ohne Ausschlag deutlich besser gefällt als mit. Vielleicht denkt der Veganer rechts von mir an die Umwelt und die Vegetarierin links von mir an die grausam realistische Dokumentation über Massentierhaltung, die sie geprägt hat. Beim Essen noch mehr als in vielen anderen Bereichen gilt: leben und leben lassen. Es liegt an jedem selbst, was er denkt, tut und in sich hineinstopft. Dafür muss niemand beurteilt, kritisiert oder bemitleidet werden.

Wer diese einfache Regel befolgt, sorgt dafür, dass das ursprünglich gefürchtete Ereignis GRILLPARTY für jeden einzelnen Gast einfach zu einem schönen Abend wird, der sich gerne so lange in die Länge ziehen kann, bis man spät auf ist – ganz ohne knurrenden Magen.

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