Nachteule-Tabitha blubbrt
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„Nicht im Traum ziehe ich das an!“ - Eine Shoppingtour durch die Zeit

Nachteule-Tabitha
29.03.2019

Spät auf kann es so schön sein – und ja so gefährlich. Einfach schlaflos im Bett liegen und die nur mit äußerst großer Fantasie existierenden Schäfchen zu zählen würde nicht unserem Anspruch nach sinnvoll genutzter Zeit und ausgelebten Hobbys entsprechen. Man sucht sich also zwangsläufig eine Beschäftigung. Lesen wäre gut für den Intellekt, denke ich mir, aber meistens ist das Bücherregal viel zu weit weg und das Bett eindeutig zu bequem um aufzustehen.

Viel zu häufig wandert meine Hand dann zu meinem neben meinem Bett am Ladekabel weilenden Handy, und wenn Instagram, Facebook und der neue Post von www.spätauf.de ausgiebig gecheckt sind, finde ich mich schneller auf Zalando oder Amazon wieder als mir lieb ist. Online-Shopping hat langsam aber sicher einen festen Platz in meinem Leben eingenommen, was hauptsächlich dem Landleben geschuldet ist, das nun mal nicht für seine schnelle Anbindung an Großstädte und Shoppingzentren bekannt ist. Weil für das Online-Shopping weder Bargeld noch eine freie Umkleidekabine parat sein muss, geht das Geldausgeben gleich viel schneller.

"Schluss damit!" ermahne ich mich. Es ist ein Uhr nachts, ich beschließe, meinen nächsten Bedarf an Jeanshosen wieder in der realen, von meinem Dorf aus auch nur 66 Kilometer entfernten Stuttgarter Fußgängerzone zu decken. Dann schalte ich mein Handy ordnungsgemäß aus, um den erholsamen Schlaf zu bekommen, den ich nach einer langen Woche wieder einmal dringend notwendig habe. Beim Einschlafen bin ich so müde, dass ich nicht einmal mehr die Schafe zählen kann, die wie jede Nacht ihren Zaun durchbrochen haben.

Die Fußgängerzone ist menschenleer. Die Sonne strahlt von einem blauen Himmel und der Duft von Crepes und Eiskaffee liegt überall in der Luft, nur ist da ja niemand außer mir, der ihn riechen könnte. Ein Traum! Im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich wüsste nicht, dass ich bereits wieder aufgewacht bin, und die Zugfahrt nach Stuttgart ist eigentlich eine dreistündige Odyssee und keine Sache von zwei Minuten. Bin ich vollkommen verrückt? Offensichtlich habe ich meine Leidenschaft für das Shoppen nun schon mit in den Schlaf genommen. Instinktiv greife ich nach meiner Handtasche. Alles da. Der Geldbeutel, der gestern vor dem Schlafengehen noch leer war (ganz im Gegensatz zu meinem Warenkorb bei Zalando) ist prallgefüllt mit Münzen und Scheinen. Wenn das so ist?

Ich ignoriere die Tatsache, dass ich mich offensichtlich in einem Traum befinde, aus dem ich ohne eine einzige Einkaufstüte erwachen werde und sehe mich enthusiastisch um. ZARA, H&M, SNIPES – in der Stuttgarter Königsstraße gibt es eigentlich alle Läden, die ich gerne mag. Um einmal ausreichend viel Zeit zu haben, alle Schätze, die sich dort verbergen, zu finden, müsste ich theoretisch drei Tage Campingurlaub im Schlossgarten machen. Heute allerdings schaue ich mich vergeblich um. Kein einziges vertrautes Schild springt mir ins Auge! Stattdessen sind die Läden äußerst uneinfallsreich nummeriert - nach Jahreszahlen. Ich lese: 1960. 1980. 1990, 2000 und – große Freude – auch 2018. Ist es ein neuer Trend, seine Geschäfte nach Jahren zu benennen und sämtliche Geschäftsführer haben sich in ihren Kampagnen gegenseitig imitiert? Wohlmöglich gibt mir ein Blick in die blankgeputzten Schaufenster Aufschluss.

Eine Scheibe mit der Aufschrift "Make love, not war" fällt mir aufgrund der schrillpinken Schriftfarbe sofort ins Auge. Beim Anblick der Schaufensterpuppe habe ich einen Moment lang das Gefühl, spontan zu erblinden. Weil sie sich selbst wohl ebenfalls um die gefährliche Leuchtkraft ihres wilden Flower-Power-Kleides bewusst ist, trägt sie eine überdimensionale Sonnenbrille mit runden Gläsern und strahlt mich an. Aus Sicherheitsgründen – schließlich ist das hier ein Traum und im Traum können wohlmöglich auch Plastikpuppen zu Menschen werden – trete ich einen Schritt zurück und sage: „Sieht…ganz nett aus.“

„Ja nicht?“ tönt es urplötzlich hinter mir und ich fahre herum. Als einziger Mensch in der Fußgängerzone steht ein Mann mit Anzug, Hemd, Sonnenbrillen und schneeweißen Haaren. Es ist – Überraschung – Karl Lagerfeld, der Designer von dem ich mir niemals etwas kaufen würde, weil selbst beim ausgiebigsten Online-Shopping meine Geldgrenze hier überschritten wäre. Längst! „Ja doch“ erwidere ich, und bin nicht einmal mehr irritiert über die Wendungen dieses verrückten Traums. „Ich wollte aber eigentlich nur Jeanshosen kaufen gehen.“ „Gut so“ lobt er mich. „Wer Jogginghosen trägt hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Wenn er wüsste, dass ich in Realität gerade mit einer Jogginghose schlafend im Bett liege, würde er mich bestimmt nicht mehr so freundlich anschauen. „Hosen gibt es hier auch. Die Schlaghose beispielsweise.“ Eigentlich habe ich nicht geglaubt, dieses Szenario könnte sich zu einem Alptraum entwickeln, aber bei diesem SCHLAGwort (sollte mein Gehirn nicht schlafen anstatt sich dumme Wortspiele auszudenken?!) bin ich mir nicht mehr so sicher.
„Danke“ sage ich höflich. „Aber Schlaghosen gefallen mir nicht so gut.“

Karl Lagerfeld reagiert sehr verständnisvoll und schlägt mir vor, mich im Laden „1980“ umzusehen. Karottenhosen – oben locker, an den Knöcheln eng – seien dort der letzte Schrei. Ebenso wie Puffärmel und – bitte was? – Schulterpolster „für den maskulinen Touch“. Lediglich der Oversize-Blazer, den die Schaufensterpuppe von „1980“ trägt, erinnert mich etwas an den Beutezug meiner letzten (realen!) Shoppingtour in Stuttgart. Absichtlich zu große Jeans- und Stoffjacken sind wieder in Mode, das ist keine Frage. Ansonsten ist mir 1980 aber sehr suspekt und ich schiele sehnsüchtig zu „2018“ ganz am Ende der Straße. Karl Lagerfeld denkt aber gar nicht daran, mich gehen zu lassen, ohne mir vorher noch das Sortiment des Ladens „1990“ präsentiert zu haben. Zum ersten Mal entdecke ich etwas, das zumindest annähernd nach Jeanshose aussieht. Die Schaufensterpuppe trägt dazu bauchfrei, offensichtlich ist Freizügigkeit hier angesagt und in.

Was die zweite Puppe neben ihr trägt, kommt mir tatsächlich aber beängstigend bekannt vor. Die enge, schwarze Kette, Choker genannt, die sie um den Hals trägt – die sehe ich Tag für Tag an meiner kleinen Schwester. Entweder mein Unterbewusstsein bringt hier etwas gewaltig durcheinander oder der Choker existiert in der Geschichte doch schon länger, als ich geglaubt hätte. Und meine kleine Schwester, die bisher fest davon überzeugt war, mit ihrem Choker Trendsetterin schlechthin zu sein und zu den allerersten zu gehören.

Auch, dass die Schaufensterpuppe ein weißes T-Shirt, und darüber ein schwarzes Kleid mit Spagetti-Trägern trägt, erinnert mich an das Lookbook meiner Lieblingsyoutuberin letzte Woche. „Der Mode entkommt man nicht“ sagt Karl Lagerfeld dazu weise. „Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode.“ „Mhmm“ sage ich., und bin mit meiner Aufmerksamkeit bereits bei dieser wunderschönen, im Marine-Stil konzipierten Jacke im Schaufenster vom Geschäft „2000“. Das gefällt mir! Das gefällt mir so gut, dass ich hoffe, dass es bald wieder in Mode sein wird, wie ein Matrose durch die Gegend zu laufen. Im Moment würde ich damit wohl eher blöde Sprüche anstelle von Komplimenten sammeln.

Wobei ich zugeben muss, dass ich auch nicht immer tolerant gegenüber anderen Modetrends bin. Ich erinnere mich nur zu gut, als vor einiger Zeit der Trend aufkam, unter den normalen Hosen Netzstrumpfhosen zu tragen, sodass diese zufällig am Knöchel herausblitzen. WIESO? War meine einzige Frage. Diese könnte man sich bei einer marinen Sommerjacke meilenweit vom nächsten Hafen entfernt wohl auch fragen. Als ich deshalb die Netzstrumpfhose im Schaufenster von 2018 entdecke, und dazu ein Shirt in wortwörtlich allen Farben des Regenbogens, fange ich nicht an zu lachen. Ich sehe es mir eine Weile lang an und sage: „Mode ist wohl einfach individuell und sollte von uns allen toleriert werden.“ Karl Lagerfeld nickt. „Mode ist wie Musik. Wir alle müssen unsere eigene Melodie spielen.“ Obwohl er sich dabei wohl einer Metapher bedient hat, erklingt sogleich eine laute, mir seltsam bekannte Melodie. Ich sehe mich nach Straßenmusikern um, finde keine. Die Fußgängerzone ist leer wie eh und je. Selbst der Stardesigner, der mit mir shoppen gegangen ist, ist urplötzlich verschwunden.

Dann wird mir klar: die Melodie ist mein Wecker und er klingelt schon viel zu lange. Und im nächsten Moment bin ich nicht mehr in Stuttgart, sondern 66 Kilometer südlich in meinem Zimmer. Guten Morgen! Was für eine Nacht! Die Lust zum Shoppen ist mir trotzdem noch nicht vergangen, und mein Plan fürs nächste Wochenende steht, denn wie schon Josephine Baker einst sagte: Unsere Träume können wir erst dann verwirklichen, wenn wir uns entschließen, aus ihnen zu erwachen. 

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