Nachteule-Tabitha blubbrt
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Pflanzen auf zwei Meter Höhe - Das Hochbeet

Nachteule-Tabitha
07.06.2019

Meine Mutter ist nicht spät auf. Sie ist früh auf. Sehr zu meinem Unmut, es ist immerhin etwa sieben Uhr und ich hätte gerne noch etwas länger geschlafen nachdem zumindest ich gestern wieder spät auf war. Dieser Plan wird von meiner Mutter erstklassig durchkreuzt, die einen Stock tiefer auf der Terrasse schwer damit beschäftigt ist, irgendwelche Blumentöpfe, Gießkannen und Blumenerde-Säcke hin- und her zu schieben.

Ja, es ist Ende Mai und es freut mich auch, dass die Grautöne des Winters endlich wieder durch eine bunte Blumenpracht ausgetauscht werden. Aber wäre es dafür um zehn Uhr etwa zu spät gewesen? Ich habe einen ziemlich eindeutigen Verdacht. Was meine Mutter so sehr fasziniert, sind nicht die frühen Morgenstunden, die angeblich den Mund voller Gold haben, und auch nicht die Blumen, die sie jedes Jahr aufs Neue anpflanzt und daher bereits zu Genüge kennt. Es ist die neue Anschaffung, die sie nach draußen zieht und zum Gärtnern anspornt: ihr Hochbeet.

„Ja, ich hatte auch mal ein Hochbett“, hatte ich spöttisch gesagt, als sie zum ersten Mal davon gesprochen hatte. „Sogar mit einer Rutsche daran!“ Meine Mutter fand den Wortwitz nicht ganz so amüsant, ein Hochbeet sei schließlich etwas ganz anderes und viel praktischer, ganz im Gegensatz zu meinem alten Hochbett, bei dem das Beziehen der Bettwäsche stets zu einer Herausforderung geworden war. Ein Hochbeet dagegen ist ein Blumenbeet in der Höhe eines Tisches oder noch höher, welches nach Lust und Laune herumgetragen und irgendwo abgestellt werden kann. Da stellt sich mir als allererstes einmal die Frage, wie man auf solche Ideen kommt. Reicht ein ganz normales Gartenbeet nicht aus?

Für junge, gesunde Menschen wohl schon, aber es leuchtet ein, dass das Arbeiten an einem Beet in Tischhöhe deutlich angenehmer ist als auf dem Boden. Ein mühsames Bücken mit Rückenschmerzen als Dankeschön ist nicht länger erforderlich, und auch Menschen, die beispielsweise aufgrund einer Behinderung an den Rollstuhl gefesselt sind, können sich in einem Hochbeet gärtnerisch austoben. Meine Mutter, die in ihrem zweiten Leben vermutlich Profigärtnerin wird, hat auch noch ganz andere Argumente auf Lager. Das Wachstum der Pflanzen wird dadurch begünstigt, dass von unten Wärme auf die Erde einwirkt – was nur bei einem Hochbeet möglich ist. Außerdem sorgt auch der schichtweise Aufbau eines Hochbeetes für ein verbessertes Wachstum. Für Übeltäter wie Schnecken, Mäuse und Unkraut bleibt das Beet ebenso unerreichbar wie für Hagel, insofern ein Hochbeet umhergetragen werden kann und nicht ortsfest ist.

Hochbeete gibt es in allen denkbaren Formen und Größen. Dadurch muss man selbst bei geringen Platzverhältnissen, wie einem kleinen Stadtbalkon, nicht auf das Gärtnern verzichten. Und wachsen kann auf diesen wenigen Quadratzentimetern nahezu alles: Blumen, Gemüse, Kräuter und sogar Beerenobst können im Hochbeet gedeihen. Es kommt lediglich darauf an, dass sich die Pflanzen auf dem engen Raum miteinander vertragen. Klingt skurril, aber Mischkulturen sind tatsächlich nicht immer geeignet. Es erfordert also ein gewisses Maß an Planung – was im Großformat im Garten wohl auch nicht anders ist.

Schon gut, meine Mutter hat mich überzeugt, dass unser metallisch glänzendes Hochbeet auf der Terrasse mindestens genauso viele Vorteile besitzt wie mein geliebtes Hochbett mit Rutsche. Trotzdem frage ich mich: muss es immer gleich ein hochwertiges Gestell aus dem Baumarkt sein? Nur mal angenommen ich entschließe mich in meiner ersten eigenen Wohnung dafür, mir ein Hochbeet anzuschaffen und entdecke nach drei Wochen, dass mein Daumen nicht grün ist, sondern eher rot vom vielen Schuften?

Ein Blick in das Internet beruhigt mich: einige Anleitungen beginnen bereits ganz von vorne – mit dem Bau eines hölzernen Hochbeetes. Alternative Baumaterialien sind Kunststoff, Metall oder Betonplatten. Viele Baumärkte bieten auf ihren Homepages Schritt-für-Schritt-Anleitungen, sowie Tipps zur Ausrichtung in eine bestimmte Himmelsrichtung, zu Mischkulturen und optimalen Pflanzzeiten. Wer Gedrucktes dem Digitalen vorzieht, findet aber auch unzählige Bücher, die sich einzig und allein mit dem Gärtnern im Hochbeet befassen. Und diese sind nicht einmal brandaktuell, was bedeutet, dass das Hochbeet eine langlebige Erfindung ist, die gerade jetzt so richtig boomt.

Dass diese Tipps, und ganz allgemein der Trend des Hochbeetes, in den Haushalten längst angekommen sind, zeigt mir eine einzige Fahrradtour durch mein Ort. In gefühlt jedem zweiten Garten ist bereits ein blühendes Hochbeet zu finden – und es macht definitiv was her.

Nach all diesen Erkenntnissen kommt es mir fast so vor, als handele es sich bei dem Gärtnern nicht um ein Hobby, sondern regelrecht um eine Lebenseinstellung. Tatsächlich fällt dieser Satz sogar einmal während meiner Internetrecherche: Hochbeete sind eine Lebenseinstellung! Verrückt? Nicht, wenn man sich den vielen Vorteilen des Hochbeetes bewusst ist. Sein eigenes Gemüse in einem gesunden Umfeld selbst aufwachsen zu sehen und sich schließlich davon ernähren zu können, spricht für eine nachhaltige, umweltbewusste Einstellung. Die Botschaft, dass auf der Erde etwas geschehen muss, um die drohenden Konsequenzen des Klimawandels abzuwenden, wird durch Projekte wie diese weiterverbreitet. Das sogenannte „Urban farming“ wird immer populärer, und so ist nicht nur das Land jetzt im April wieder voll von bunten Blumen, sondern teilweise auch die Stadt.

Für diese gute Tat lasse ich meine Mutter dann doch gnädig weiter gärtnern, trotz der frühen Morgenstunde und der Tatsache, dass ich auch in der nächsten Nacht vermutlich wieder spät auf sein werde.

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