Nachteule-Tabitha blubbrt
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Zwischen Brauchtum und Irrsinn

Nachteule-Tabitha
01.02.2019

Ich bin spät auf. Viel zu spät! Morgen werde ich alles bereuen: dass ich diesen Bus betreten habe, und später dieses Zelt, dass ich jetzt hier stehe, inmitten von hunderten Menschen, die sich voller Elan zu den lauten Bässen und Tönen bewegen und die Welt um sich vergessen – aber im Moment genieße ich es nur.

Das ist wieder der Zeitpunkt, an dem ich die lästigen Dinge einfach ausblenden kann: die Kälte, die einem – mit Strumpfhose, Rock und Knopfjacke bekleidet – unbarmherzig zu Leibe rückt, der lange, äußerst anstrengende Umzug und das Gedrängel, das man durchqueren muss, bevor man im Zelt überhaupt seinen Platz findet. Kurz: es ist Fasnet – Fasnacht, Fasching Karneval – und wie alles im Leben hat auch sie sowohl gute als auch schlechte Seiten. Beziehungsweise ihr werden diese schlechten und guten Seiten angehängt, und die Meinungen gehen teilweise stark auseinander.

„Die Fasnet gehört zu einem Jahr einfach dazu,“ sagen die einen. „Wir pflegen unsere Bräuche.“ Oftmals wird die närrische Zeit zwischen Januar und Februar auch als die „fünfte Jahreszeit“ bezeichnet. „Das hat mit Brauchtum nichts mehr zu tun“, befinden die anderen. „Es geht doch nur noch um Alkohol und den Versuch, sich in dem Trubel aus der Realität zu flüchten.“ Fasnet, Januar und Februar, die fünfte Jahreszeit – die Zeit, in der ganze Regionen in zwei Gruppen von Menschen gespalten sind. Es stellt sich die Frage: wer hat recht? Gibt es überhaupt eine eindeutige Antwort?

Um das Brauchtum zu verstehen, das nach Ansicht Vieler heute in den Hintergrund gedrängt wurde, muss man sich zunächst mit seiner Entstehung befassen. Deutschland ist neben vielen Ländern Europas bereits sehr lange von karnevalistischen Aktivitäten und Bewegungen geprägt. Im 13. Jahrhundert zählte es bereits als Tradition, vor dem Anbruch der Fastenzeit ausschweifende Feste zu feiern – mit dem Ziel Lebensmittel aufzubrauchen, die ansonsten nach der Fastenzeit nicht mehr genießbar wären. Essen stand also zunächst im Mittelpunkt des Vorläufers der Fasnet, wobei es sich bei jenen Lebensmitteln wohl weniger um Fasnetsküchle und Berliner gehandelt hat...

Im 14. Jahrhundert wurden den feierlichen Ess-Veranstaltungen Aktionen wie Tänze und Spiele hinzugefügt. Im Laufe der Zeit entwickelten sich aus den Feierlichkeiten vor der Fastenzeit zwei Leitlinien, die sich in ihren Traditionen, Kostümen und anderen Merkmalen unterschieden: der rheinische Karneval im Rheinland und die schwäbisch-alemannische Fastnacht – oder Fasnet – im Südwesten Deutschlands, sowie in einigen Teilen der Schweiz. Ortschaften gründeten Narrenzünfte mit lokalen Bräuchen, die jedoch immer wieder Zurückdrängung und Vernachlässigung erfuhren. Beispielsweise wurde als Folge der Reformation die Fastenzeit zeitweise nicht mehr praktiziert, wodurch auch das ausgelassene Treiben unmittelbar davor an Bedeutung verlor.

So musste sich die Fasnet immer wieder neu erfinden und in der Gesellschaft durchsetzen. Immer wieder kam es auch zu Konflikten mit der Kirche. Diese betrachtete das närrische Treiben mit Missbilligung und definierte einen „Narren“ als einen Ungläubigen und Gottverlassenen. Gleichzeitig beinhalteten die Fasnetsspiele und Reden der Narren häufig Kritik und Spott am System der Kirche, woraufhin diese wieder reagierte. Eine paradoxe Tatsache, wenn man sich vor Augen hält, dass die Fasnet mit der Kirche und der Fastenzeit untrennbar verbunden ist. Ohne die Existenz – und die  Einhaltung – der Fastenzeit würde die Fasnet nicht zelebriert werden, nicht heute und nicht im 13. Jahrhundert.

Um ihre Fasnetsbrauchtum vor Kritik und Einschränkungen auch von Seiten der Politik zu schützen, begannen die Narren im 20. Jahrhundert ihre lokalen Grenzen, innerhalb deren die Fasnet bisher zelebriert worden war, zu überschreiten. Es wurden Verbünde gegründet, allen voran die „Vereinigung  Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte“ im Jahr 1924. Schon zu diesem Zeitpunkt stand die Aufrechterhaltung und Bewahrung des Brauchtums im Vordergrund, mit viel Einsatz von Seiten der Narren wurde politischen Gegenbewegungen die Stirn geboten. Mit der Entstehung immer neuer regionaler und überregionaler Zusammenschlüsse wuchs auch die Anzahl an Veranstaltungen, wie Narrentreffen. Sowohl intern in der eigenen Narrenzunft als auch zu Gast bei anderen Narrenzünften bildeten sich Bräuche aus, die je nach Region verschieden sind und bis heute bestehen.

Inwiefern diese Bräuche variieren, wird schon deutlich, wenn man sich in der Schule mit Leuten aus anderen Zünften unterhält. Jede Narrenzunft kennt ihre eigenen Rituale wie das Narrengericht, Bürgerball, Kinderball, die nahezu feierliche Häsausgabe, das Narrenbaumstellen und -fällen – nur einmal von meiner eigenen Narrenzunft ausgegangen. Zunftintern wird vor allem die Hauptfasnet vom Schmotzigen Donnerstag bis zum Fasnetsdienstag gefeiert. Abgesehen davon gibt es einige feste Termine, die alle Narrenzünfte einer Region vereinen. Hierzu zählt zum Beispiel das jährliche Ringtreffen, das sich in einen Nachtumzug am Freitagabend, einen Ringabend am Samstagabend und einen großen Ringumzug am Sonntag gliedert. Die Nacht von Freitag auf Montag, drei Tage wach – alle Zünfte des Ringes unter einem Zeltdach.

Dies also ist ein kleiner Ausschnitt der Dinge, auf die die Freunde der Fasnet ein ganzes Jahr hinfiebern. Feiern, Freunde treffen, den Alltag zurück lassen – soweit die schönen Dinge im Leben. Doch nur allzu häufig erfolgen diese drei Dinge nicht ohne ein bestimmtes Hilfsmittel: Alkohol. Hier liegt ein großer Kritikpunkt an der Fasnet. Immer wieder – und gefühlt auch immer häufiger – wird von Eskalationen, Gewalttaten und Zusammenbrüchen berichtet, die auf den übermäßigen Konsum von Alkohol zurückzuführen sind. Besonders erschreckend: die betreffenden Personen werden immer jünger. Das Einstiegsalter in den Alkoholkonsum liegt bei durchschnittlich 14 Jahren – also Jahre, bevor die Jugendlichen legal Alkohol erwerben dürfen. Häufig machen sich diese die gelockerten Jugendschutzgesetze während der Fasnet zunutze. Wie streng die Bedingungen zum Einlass in die Barzelte und zum Kauf einer Spirituose sind, hängt meist vom Veranstalter ab. Zu leiden haben unter diesen Bedingungen vor allem die Rettungsdienste, die die Jugendlichen betreuen, die ihres eigenen Körpers nicht mehr mächtig sind.

Streitereien, die ohne Eingreifen schnell zu Prügeleien werden, die ein ganzes Barzelt in Gefahr bringen, Alkoholexzesse in allen Altersklassen, Verwüstungen in den Gärten der Anwohner, Auseinandersetzungen mit Polizei und Ordnungsdienst – auch dies sind Aspekte der Fasnetszeit, die nicht ohne Weiteres abgetan und mit dem Argument des Brauchtums beschönigt werden sollten. Denn anders als das ausgelassene Vergnügen im Angesicht der enthaltsamen Fastenzeit ist das hemmungslose Betrinken ohne Rücksicht auf die Umwelt, die eigene Gesundheit und den persönlichen Umkreis definitiv kein Brauchtum.

Brauchtum, das sind die Menschen, die einer Narrenzunft angehören und sich dort einbringen, die teilweise über das ganze Jahr hinweg an der Vorbereitung der Fasnet arbeiten – seien es Gardegruppen in ihrem Training oder Vereine, die einen eigenen Umzug organisieren – und die viel Geld und Zeit in dieses Hobby investieren. Die an einem Freitag, Samstag oder Sonntag in den Bus steigen, mit dem Ziel, am Ankunftsort Spaß zu haben, die Traditionen weiterzuleben und in Gemeinschaft mit anderen Zünften diese geliebte fünfte Jahreszeit zu genießen. Wer diesen Spaß gerne mit Alkohol verstärkt, soll dies ohne Weiteres tun dürfen – vorausgesetzt es ist legal. Alkohol konsumieren ist das Eine – sich damit so zu betrinken, dass die Kontrolle über den eigenen Körper hin ist das Andere.

Das „Saufen“ verdrängt also nicht die bestehenden Traditionen – diese werden nach wie vor ausgeführt. Das exzessive Alkohol trinken kommt lediglich hinzu und wirft so einen dunklen Schatten auf das närrische Treiben. Rettungsdiensten, Veranstaltern und vielen persönlichen Erfahrungen zufolge gehen die größten Probleme meist von denjenigen Festbesuchern aus, die gar keiner Zunft angehören, das Brauchtum also noch nie gelebt haben. Sie würden das Brauchtum als Vorwand benutzen – ein Zeichen dafür, das sie nie mit den wahren Kernaspekten und Werten der Fasnet konfrontiert wurden.

Selbstverständlich bestätigen Ausnahmen die Regel. Es gibt auch genug Zunftmitglieder, die die Werte der Fasnet mittlerweile aus den Augen verloren haben. Menschen, die unter den negativen Aspekten der Fasnet zu leiden haben, können völlig zurecht sagen, dass zu viel Alkohol die harmlose Ausgelassenheit der Fasnet zu etwas Verwerflichem macht. Es ist wie immer im Leben- es kommt auf die Dosis an.

Übrigens auch auf die Dosis an Schlafmangel. Nachdem ich Wochenenden lang spät auf war, um den Brauchtum der Fasnet möglichst nachhaltig weiterleben zu lassen, macht sich der Schlafmangel doch wieder bemerkbar. Und ich bin – wie wohl jeder um mich herum – für einen Moment dankbar, dass die Fasnet nur ein Mal im Jahr ist. Und dass dazwischen genug Zeit bleibt, um den Schlaf nachzuholen, oder aber sich spät auf noch mit einer Menge anderer interessanter Dinge zu befassen... wie wäre es zum Beispiel mit den Eigenschaften des rheinischen Karnevals?

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