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Die Schrecksee-Wanderung - ein Ende mit Schrecken

08.07.2020

eine Wandertour, die es in sich hat!

Am Freitag kam ich spontan auf die Idee einen guten Freund zu fragen, ob er Lust auf den Schrecksee hat. Seit Jahren wollte ich diesen wunderbaren Bergsee mal im Original sehen. Er sagte zu und ich holte ihn am Sonntag um 08:20 bei sich zu Hause ab. Nach Hinterstein sind es von uns aus ca. 90 Minuten Fahrtzeit. Wir wollten den Bus um 10:15 von Hinterstein zum Einstieg noch schaffen.

In Hinterstein angelangt, fanden wir den Wanderparkplatz nicht und es ging stetig auf 10:15 zu. Problem war, dass wir schlicht und ergreifend nicht weit genug durch den Ort gefahren sind (weil mein Kumpel meinte: "Na jetzt kommt der Parkplatz nicht mehr!"). Ich drehte um und keine 50 Meter später winkte uns eine geschäftstüchtige Anwohnerin an sich heran. Sie vermietete für 5 Euro Parkplätze auf Ihrem Grundstück. Wir parkten und fragten nach der Bushaltestelle. Als wir an die Bushaltestelle kamen, stand zum einen der Bus schon und zum anderen gefühlte 150 Personen. Wir konnten dennoch ein Stehplatz  ergattern und fuhren dann die knapp 4 Kilometer zum Einstieg.

Nach einem kurzen Weg ging es schon knackig los und ließ die nächsten Kilometer auch nicht wirklich nach. Extrem steil (bis zu 43% lt. Tourenprofil) und steinig, teilweise auch Geröll. Nach und nach wurde ich von Leuten überholt, teilweise Gestalten dabei, wo ich mir noch dachte, wie die das machen. Jetzt hab ich die letzte Zeit ja echt viel trainiert. Radfahren (letzte Tour 105km), Laufen und Gerätetraining aber ne, da werd ich von einem Bierbauch mit geschätztem Lebendgewicht von 130 Kg überholt. Ich wollte ihm ja schon heimlich ein Bein stellen, aber so was macht man ja nicht. Ich wurde einfach durchgereicht.

Gefühlte 4 Liter leichter vom Schwitzen kam ich dann auf dem ersten Plateau an, wo mein Kumpel schon auf mich wartete. Das war eigentlich die erste kurze Stelle, wo eben verlief. So, kurze Pause, viel trinken und zwei Semmeln verputzt. Das wusste ich aus der Beschreibung der Tour, dass keine Jause Einkehr auf der ganzen Tour wartete. Hätt ich mir mal lieber das Höhenprofil der Tour genauer angeschaut.

Dann zeigte mir mein Kumpel, wohin der Weg noch geht. Um Gottes Willen, da geh ich nicht rauf! Man sah die Leute steile Serpentinen entlang wandern. Boah, ne. Nicht mit mir und meiner Höhenangst. Mein Kumpel meinte aber, dass das nur so aussieht!

Mick, Du bist mir echt ein klasse Kumpel, aber im Nachhinein betrachtet, hör ich nieee wieder auf Dich!

Es war für mich die Hölle. Enge Wege, teilweise fast direkt am Abgrund. Wobei ich sagen muss, dass meine Höhenangst schon besser geworden ist. Nach einer Lektüre über die Überwindung der Höhenangst und mehreren Wanderungen wurde es stetig besser. Also ließ ich mich nicht aufhalten und starrte, wie mit Scheuklappen, auf den Weg. Als mein Kumpel kurz stehen blieb und ins Tal hinunterschaute und sagte "Schau mal die tolle Aussicht!" knurrte ich nur und ging wortlos an ihm vorbei.

Nach einigen Pausen meinerseits hatte ich meinen Kumpel aus dem Sichtfeld verloren. Mehrmals dachte ich, wow, nach der Kuppe kommt der Schrecksee in mein Blickfeld. Jedes Mal wurde ich enttäuscht. Als ich dann völlig entkräftigt einen Mann, der mir entgegenkam, fragte, ob es denn noch weit wär und als Antwort ein "Nee, nur noch ca. 45 Minuten" hörte, dachte ich mich trifft gleich der Schlag! Bei meiner Geschwindigkeit also 90 Minuten. Ab diesem Moment wusste ich, woher der See seinen Namen hat!

Nach etwa 70 Minuten Laufzeit und immer wieder von innerlichen Heulkrämpfen geschüttelt kam ich dann oben an und mir zeigte sich der Schrecksee in seiner vollen Pracht. Ich würde jetzt gerne sagen, dass dieser Anblick für alles entschädigt, aber ich war zu diesem Zeitpunkt schon so gebeutelt, dass nicht mal mehr ein Date mit Miss Germany mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnte.

Als ich dann meinen Kumpel erspähte und mich zu ihm ins Gras setzte kam der Spruch "Wollen wir wieder zurück?"

Nach ca. einer Stunde ging es dann aber wieder los. Als wir dann oben an den Wegweisern vorbeiliefen, fiel mir auf, dass ein Hinweis in die Richtung zeigte aus der wir vorher kamen. "Alpine Gefahren" stand darauf! Ich machte meinen Kumpel darauf aufmerksam und er meinte nur, dass das unten auch schon stand und er sich davorgestellt hat, weil er dachte, dass ich dann doch nicht mitkommen würde.

Ich glaub ich muss unsere Freundschaft nochmal überdenken.

Beim Abstieg fiel mir relativ schnell auf, dass meine Knie immer weicher wurden. Stellen, an denen ich beim Aufstieg noch dachte Oh je, da lauf ich ja beim Abstieg direkt auf den Abgrund zu, aber es ging dann doch relativ gut. Als wir dann wieder dieses Plateau erreicht hatten bzw. ich dann wieder zu meinem Kumpel aufschloss, sagte ich zu ihm, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich es bis ganz runter schaffe. Ab und an knickten mir die Knie bzw. Beine unkontrolliert ein. Gedanklich sah ich mich schon mit dem Handy noch schnell das Onlineformular beim Deutschen Alpenverein auszufüllen und danach einfach die Bergrettung anzurufen.

Als es dann nach einer kurzen Verpflegungspause wieder weiterging, verlor ich meinen Kumpel erneut relativ schnell aus den Augen. Meine Knie und Oberschenkel wurden immer schlimmer. Dann kam tatsächlich der Moment, in dem ich echte Todesangst bekam. Was ist, wenn ich unkontrolliert wegknicke. Bei der Steigung und der Bodenbeschaffenheit wärs das dann. Ich ging hauptsächlich im Krebsgang, also seitlich, weil ich dann mit dem durchgestreckten Bein aufsetzen konnte. Daraus resultierte aber ein Schneckentempo und mit der Zeit enorme Schmerzen und heftige Wadenkrämpfe. Ich war extrem gestresst und mit jedem Schritt wurde es schlimmer, weil ich wirklich dachte mein nächster Schritt könnte mein Letzter sein. Fast zwei Stunden verbrachte ich so meine Freizeit. Ich hatte wirklich durchgängig Todesangst. Ab und zu dachte ich noch, ich ruf jetzt meinen Kumpel an, der wahrscheinlich schon lange unten wartet und sage ihm er soll sich irgendwoher eine Schubkarre besorgen und mich oben abholen.

Ich weiß jetzt im Nachhinein nicht mehr wie ich es geschafft habe wieder unten im Tal anzukommen, aber ohne meine Trekkingstöcke hätte ich es mit Sicherheit nicht geschafft. Mit Freudentränen in den Augen setzte ich mich auf eine Bank bis der Bus kam. Welcher Vollpfosten hat sich diese Tour ausgedacht? Ich sah wieder den Bierbauch, der mir schon beim Aufstieg aufgefallen war, putzmunter auf und ab laufen. Wo hat man in diesen Situationen nur immer seinen Baseballschläger?

Am nächsten Tag kam ich im Büro fast nicht die Treppe hoch vor Schmerzen. Na toll, und am 2. Tag solls am Schlimmsten sein. Das baut echt auf! Noch schlimmer? Ha, gar nicht möglich. Mehr geht nicht. Heute, wo ich diesen Artikel schreibe, weiß ich DOCH DAS GEHT!

Fazit dieser Wanderung: das nächste Mal die Tour im Internet genau anschauen, vor allem das Höhenprofil und dann vorsichtshalber noch einen Baseballschläger zum Proviant packen.

Für mich steht fest: Nie wieder zum Schrecksee. Bergauf hat´s mir keinen Spaß gemacht und bergab schon fünfmal nicht. Dann doch lieber schöne Wanderungen, schon auch mal längere aber keine kurze Tour mit 1900 Höhenmetern (hoch und runter).

Übrigens bin ich seit heute Mitglied beim Deutschen Alpenverein...

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1  Beitrag

  • Beitrag als unangemessen melden
    pato
    15.08.2021 22:12 Uhr

    Hallo,

    ich habe nur die Tour zum Schrecksee gelesen, und musste oft lächeln, weil ich fand sie auch nicht als Super Tour.(Inklusive Schrecksee)

    Gruß pato

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